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Meine Jugend

Geboren wurde ich in einem kleinen russischen Dorf nahe Chelyabinskaya . Ich bewohnte mit meinen Großeltern, Eltern und meinen 7 Schwestern ein Reihenhaus von etwas mehr als 12 m2. Da unser Vater ein Mann der Mittelschicht war (er war für das Stellen der einzigen Weiche für den durch unser Dorf fahrenden Zug zuständig) genossen wir diverse Annehmlichkeiten (Radiergummi, Glasscheiben, Gummiringerln). Während andere Kinder mühsam diverse falsch geschriebene Worte mit einem Ziegenhuf ausradieren mussten, was oft zur Folge hat, dass die ganze Seite riss, konnte ich genüsslich all meine Fehler mit einem doch recht ansehnlichen Radiergummi löschen. Dieser Radiergummi war Jahrzehnte lang in Familienbesitz und schon mein Ururgroßvater schrieb seine Eindrücke der napoleonischen Kriege nieder, für die er dann (ohne Radiergummi) nach Sibirien geschickt wurde.

Da mein Vater zwar wohlhabend, aber nicht reich war und ich das jüngste Kind und noch da zu Junge war, musste ich die ganz Jugend über die getragenen Kleider meiner 7 Schwestern tragen, was mir anfangs zuwider war, mit den Jahren fand ich aber immer mehr Gefallen daran zumal ich durch den Titelgewinn bei den Miss Wahlen 1994 in meinem Dorf zur Miss Chelyabinskaya gekürt wurde. Leider wurde mir dieser Titel nach kurzem wieder aberkannt, da die Regelstatuten sagen, dass nur weibliche Teilnehmer zugelassen seien. Zwar legte der Bikiniauftritt zuvor schon so wie so einiges frei, wurde dann aber aufgrund des zu hohen Alkoholgenusses der Juri nicht in die Wertung genommen und so geriet meine Ausbeulung im Schritt schnell in die Vergessenheit.

Nach meiner Schmach bei den Miss Wahlen fiel es mir schwer in Chelyabinskaya beruflich erfolgreich zu sein, denn neben meinem Miss Skandal, über die die orts ansässigen Medien ein halbes Jahr später noch immer rund um die Uhr berichteten (es war sonst eher sehr ruhig bei uns) , machte mir auch meine Gynäkomastie, mit der auch leider die Mammal Onanie einher ging, zu schaffen. So entschied mein Vater damals entgegen aller zukünftigen Pläne (grundsätzlich sollte ich mit meinen 7 Schwestern dirnenhaft auf der Landstraße verweilen und betrunkene LKW Fahrer beglücken) mich mit dem Zug in dem gesegneten Westen zu schicken.

Bepackt mit reichlich trockenem Brot, einer Flasche Vodka und drei Zündholzschächtelchen (mein Vater meinte, ich solle mich in der Anfangszeit mit dem Hüttchenspiel über Wasser halten) und meinem Radiergummi machte ich mich auf zum nächstgelegenem Bahnhof. Zwei Jahre später kam ich gesund und gut genährt von dem vielen harten Brot, das ich für die Reise bekam, am Moskauer Bahnhof an.

Von nun an liest sich mein Leben ganz wie das eines Hans im Glück. Nicht nur, dass ich meinen Radiergummi im Zug erfolgreich gegen eine Büroklammer tauschen konnten, nein, selbst mit dem Hüttchenspiel gelang es mir immer öfter, die eigens versteckte Kugel zu erraten und so nicht nur Geld zu sparen, sondern auch so viel zu verdienen um eines Tages eine Büroklammer und einen Radiergummi gleichzeitig besitzen zu dürfen.

Nun, hier in Wien ist sichtlich alles etwas anders, die Wertigkeiten scheinen etwas verschoben zu sein. Ich sehe Kinder mit zwei Radiergummis und aus Büroklammern gefertigte Halsketten vervollständigen das Bild. Es ist fast so wie mein Großvater immer gesagt hat: ‚Ich habe einen Traum, dass eines Tages alle Kinder einen Radiergummi haben. Für uns soll als selbstverständlich gelten: Alle Menschen sollen zum Libro gehen und sich einen Radiergummi kaufen können.’

Tja, fast historische Worte und irgendwie bekomme ich dabei immer eine Gänsehaut.
7.9.07 11:47


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